Interviews
Vier Fanzines haben die Band zwischen 1994 und 1995 befragt. Zusammen sind das die ausführlichsten Selbstauskünfte, die erhalten sind — mehr als jede Plattenhülle und mehr als jeder Zeitungsbericht hergibt.
Die gedruckten Texte gehören ihren Verfassern und den Blättern, in denen sie erschienen. Deshalb steht hier kein Nachdruck: die Antworten der Band im Wortlaut, die Fragen sinngemäß verkürzt, jede Passage mit ihrer Quelle. Die Seiten selbst sind als Scan verlinkt und in der Galerie unter „Presse & Fanzine“ zu finden.
Back Again Nr. 4
Geführt nach der Deutschlandtournee im Spätsommer 1995. Der Verfasser hatte die Band an einem Freitagnachmittag in Essen gesehen, in einem kleinen Laden, angekündigt als Punk — und etwas anderes gehört: „eine Mischung zwischen rauhen Früh-80er Post-Punk und New Wave“. Es ist das ergiebigste der vier Gespräche.
Seit wann gibt es die Band? „Die Blumen des Bösen wurden im Juni 1992 gegründet von Martin/Gitarre, Severin/Baß, Marty/Gesang und Volker/Schlagzeug. Alle hatten schon vorher Erfahrung bei diversen anderen Bands gesammelt. Januar 1994 fanden wir unseren jetzigen Schlagzeuger, Mai 1995 verließ Gründungsmitglied Martin die Blumen und wurde durch Bernd ersetzt.“
Wie kommt man darauf, sich nach einem Buch zu benennen? „Charles Baudelaire war ein opiumrauchender Dichter des 19. Jahrhunderts aus Frankreich. In seinem Hauptwerk ‚Die Blumen des Bösen‘ entwickelt er eine Ästhetik des Hässlichen, eine Umkehrung bürgerlicher Werte. Die Sprachgewalt dieses Buches hatte uns bereits 1990 in ihren Bann gezogen, als wir zum ersten Mal an eine Gruppe unter diesem Namen gedacht hatten. Bei der Gründung griffen wir darauf zurück, um uns bewußt von durchschnittlichen Deutsch-Punk-Bands abzuheben.“
Wie kam die CD zustande? „April 1994 bot uns Martin Roeder vom Kaktus-Label einen Plattenvertrag an, nachdem er uns bereits von unseren Produkten und Konzerten gekannt hatte. Da er uns alle Freiheiten zusicherte, nahmen wir an und spielten die Lieder im Januar 1995 ein.“ Bis kurz vor der Veröffentlichung war offen, ob Vinyl oder CD: „Obwohl uns Vinyl mehr zusagt, entschieden wir uns für CD, da der Absatz von Vinyl bei unseren Konzerten immer stärker zurückging.“
Warum deutsche und spanische Texte? „Für uns sind Musik und Texte je 50% des Gesamtliedes. Da uns die Texte wichtig sind, bedienen wir uns unserer Muttersprachen, die wir am besten beherrschen: deutsch und spanisch. Die deutschen Texte sind auch ein festes Konzept gegen die Allgegenwärtigkeit des englischen, unter dessen Deckmantel viele Kombos ihre Plattheiten verbergen, mit der Ausrede der Internationalität.“
Woher kommen die Einflüsse? „Unser Einfluß besteht daraus, daß jeder von uns aus seiner Umgebung Energie aufsaugt, die zu Kreativität verarbeitet wird. Diese Energie beziehen wir natürlich nicht nur aus der Musik, sondern auch aus Stimmungen, Landschaften, Jahreszeiten, Büchern, Filmen, Spaziergängen. Beim Schreiben von Liedern folgen wir Stimmungen und keinen abgekupferten Musikvorstellungen.“ Genannt werden Baudelaires Buch und die Filme „Schindlers Liste“ und „Weißes Blut“ — letzteres ist zugleich der Titel eines ihrer Stücke.
Warum ein Cure-Stück auf Spanisch? „‚No lloraré‘ ist keine wörtliche Übersetzung, aber inhaltlich ähnlich. Wir waren der Meinung, daß, wenn man schon ein Lied nachspielt, man ihm seine eigene Handschrift verpassen müsse. Was lag also näher, als es in der Muttersprache Martys zu singen? Es war ein alter Wunsch von uns, ‚Boys don’t cry‘ auf unsere Weise zu spielen, praktisch als eine Hommage an einen Teil unserer Wurzeln. Jeder hatte das Lied schon in vorangegangenen Bands gespielt.“
Live klingt ihr rauher als auf Platte. Absicht? „Es ist eine unterschiedliche Zielsetzung: ein Konzert ist etwas schnell vergängliches und muß blitzschnell verglühen, während Aufnahmen für eine längere Zeit und mehrmaliges Hören bestimmt sind, also lange brennen müssen.“
Wie ging es weiter? Angekündigt wurden eine Live-Kassette auf Gorkon Recordings, „Poupée de son“ auf einem CD-Sampler und womöglich eine Split-Single mit Monkey Puzzle Tree. Erschienen ist die Split 1997, aber mit den Holsteins. Zum eigenen Anspruch: „Unser Weg soll uns nie von der Selbstverwaltung fortführen. Im Moment können wir alles, was wir mit der Band tun, selbst entscheiden, und so soll es bleiben.“
Boot Murder News Nr. 3, Januar 1995
Erschienen kurz vor den Aufnahmen zu „Übermut werde Spaten“ und angekündigt als Jubiläumsgespräch: „Nach 10jährigem Bestehen (Gründung 20. Nov. ’84), unzähligen Umbesetzungen & Namensänderungen, 3 Demos & 1 Single“ erscheine nun die Debüt-CD. Gezählt wird dort also ab dem Tag, seit dem Martin Ullmann und Severin Schöllhammer zusammen Musik machten, nicht ab der Gründung der Blumen.
Was hört ihr selbst? Arno Dark Wave, Punk, Ska und Reggae. Martin Dark Wave, Punk, Gitarrenpop, NDW und Sechziger. Severin Garagenpunk, alten New Wave, Hardcore, Hörspiele und — mit zwei Fragezeichen versehen — dekadente Schlager. Marty die Cranberries, Sugarcubes, EA 80, Mo-Dettes, Girls At Our Best, Raincoats und Slits.
Worum geht es in den Texten? „Interpretationen verstümmeln den Inhalt! Die Texte sind auf deutsch und spanisch, ganz bewußt die Muttersprachen, mit denen man sich am besten ausdrücken kann. Themen: selbsterlebtes, selbstbewegtes, selbstkritisches. Die Welt unterm Mikroskop!“
Die schlechtesten Erinnerungen? Martin und Severin: „Daß ehemalige Bandkollegen die Bandkasse geklaut haben.“ Arno: „1 Jahr ohne Band.“ Marty: „Nicht wissen, wie mit ihrer Stimme in Punkmusik umgehen.“
Und die besten? Marty: „Zum ersten Mal die Platte in Händen gehalten.“ Arno: der erste Auftritt, an seinem Geburtstag, „ein erstes richtiges Bandgefühl“. Martin: die ersten Vierspuraufnahmen für das erste Demo. Severin: „Erste positive Reaktionen auf unsere Musik nach 10 Jahren Glaube an die Unmöglichkeit derselben.“
Was würdet ihr anders machen? „Reiche Eltern haben, einen Proberaum um die Ecke — jetzt fahren wir eine Stunde. Fehlversuche bei Mitgliedern, bei Schlagzeugern, aussparen. Wir hätten uns einfach früher finden sollen!“
Und die Pläne? „Im August/September ’95 steht eine 2wöchige Deutschlandtour an. Wir werden neue Lieder schreiben, eventuell ein kleines Video drehen. Zukunftsrealität? Frag Nostradamus!“ Dieselbe Ausgabe druckt die Preisliste der Band: das Demo von 1992 für sieben Mark, die 7“ von 1993 und das Tape von 1994 für je acht, alle drei zusammen siebzehn, Porto inbegriffen. Die CD sollte im April erscheinen und etwa 25 Mark kosten — angekündigt noch als Zwölftonner, erschienen mit fünfzehn Stücken.
Die vier Seiten dieses Gesprächs liegen als Scan vor. Der Scan in der Galerie.
Leistungsabfall Nr. 2
Die Band hat dieses Interview auf Tonband gesprochen. Das Blatt schreibt selbst, die Aufnahme sei stark verrauscht gewesen und man habe die Antworten nicht immer den einzelnen Mitgliedern zuordnen können — der Abdruck ist entsprechend sprunghaft. Sicher lesbar ist die Kontaktadresse der Band: sie saß in Neuffen.
Pinhead Nr. 11
Die Ausgabe Winter 1994/Frühjahr 1995 kündigt auf dem Umschlag Interviews mit Raped, Terrorgruppe, den Blumen des Bösen und den Magic Splatters an. Der Umschlag zeigt ein Aktfoto und ist deshalb nicht in der Galerie zu sehen; das Gespräch selbst ist noch nicht ausgewertet.