Wüste Welle
Wüste Welle · Interview · 2. September 1997 · Captain Gallina
Fast zwei Jahre nach dem ersten Besuch, „exakt vor 100 Sendungen“, wie der Moderator sagt. Von der damaligen Besetzung sind nur noch zwei übrig — „genau, wir sind die Veteranen“. Das Gespräch hält den ganzen Umbruch fest: Kornel Lapon am Saxophon, der seine Vorbilder in der älteren Jazz-Ecke hat und mit Punk „wenig am Hut“; Waldek Kopeć an der Gitarre, Autodidakt, der den Punk aus Polen mitbringt; und der Drumcomputer Nox. Dazu die Pläne: 13 bis 14 Stücke, in drei Wochen im Studio, eventuell bei Matatu Records in Gera, das auch die erste CD als Picture-Disc neu auflegen will. Über das Ende von Kaktus Records sagt Severin Schöllhammer: „Pleite ist übertrieben. Es ist wohl eher auch die Lust und die Zeit ausgegangen.“ Auf der zweiten Kassettenseite spielt die Band live im Studio „Oktober“, kündigt die Split-Single mit den nordirischen Holsteins an und erzählt, dass alle vier Vegetarier sind. Die Abschrift stammt von einer Maschine und ist nicht gegengehört. Wo ein Lied in das Gespräch hineinreicht, steht mit einiger Wahrscheinlichkeit Liedtext statt Rede; Liedtitel und Namen versteht die Maschine besonders oft falsch.
Captain Gallina06:05
Wow, das war das Tier von den Blumen des Bösen. Und sie haben sich jetzt hier schon im Studio eingefunden. Im Studio jetzt. Also Martin, Severin, Cornel und Waldeck von den Blumen des Bösen. Sie waren exakt vor 100 Sendungen schon mal hier. Und in der Zwischenzeit hat sich einiges getan. Martin, was hat sich verändert in 100 Sendungen? Was ist passiert? Oder Severin, willst du vielleicht antworten? Kommst du mal bitte?
Severin06:32
Okay, vor 100 Sendungen waren wir hier schon mal, aber mit ein paar anderen Leuten. Ich denke, das ist jetzt mal ein ganz einschneidender Unterschied. Wir haben die Besetzung ein bisschen gewechselt. Und zwar? Wir haben jetzt zum einen einen Saxophon dabei, den eben erwähnten Kornel. Wir haben einen neuen Gitarristen, den Waldeck. Und unser Schlagzeugermädchen ist jetzt eine Maschine, die gute alte Nox.
Captain Gallina06:52
Oh ja, das heißt, ihr seid nur noch du und Marti von der alten, ursprünglichen, damals hier gewesenen Besetzung dabei. Die anderen sind alle neu.
Severin07:01
Genau, wir sind die Veteranen.
Captain Gallina07:03
Was habt ihr sonst noch so getrieben in der Zwischenzeit? Das ist immerhin schon zwei Jahre her fast.
Severin07:08
Ansonsten haben wir noch alles Mögliche getrieben. Wir haben die neue Besetzung erstmal eingeprobt, die alten Stücke wieder ins Programm aufgenommen, neue geschrieben, haben uns öfter mal auf Proberaumsuche begeben. Konzerte gab es auch ein paar und dieses Jahr haben wir eine Demo aufgenommen, von dem die ganzen Lieder sind, die wir heute hören.
Captain Gallina07:25
Die sind alle ganz neu, die sind noch nirgends veröffentlicht, also Weltpremiere heute. Brandneu. Wow, hey, das hört sich richtig gut an. Werden die irgendwann mal so im großen Stil auf den Markt geworfen, die neuen Sachen?
Severin07:35
Im großen Stil ist vielleicht übertrieben, aber wir gehen in drei Wochen ins Studio, nehmen dann 13 oder 14 Stücke auf und die werden eine CD und oder LP. Und da werden die Stücke auch drauf sein.
Captain Gallina07:46
Die letzte CD Übermutwerte Spaten war ja bei Cactus Records veröffentlicht worden, die sind mittlerweile pleite gegangen, habe ich gehört.
Severin07:55
Pleite ist übertrieben. Es ist wohl eher auch die Lust und die Zeit ausgegangen.
Captain Gallina08:00
Denen oder euch? Denen. Okay, wo werdet ihr dann die neue CD veröffentlichen?
Severin08:06
Eventuell auf Matatu Records. Das sind ein paar wirklich nette Jungs aus Gera. Aus den Osten? Genau. Wirklich nette Jungs. Ich hoffe, dass es bei denen klappt. Die werden auch unsere erste CD jetzt als Picture-Disc-LP neu rausbringen.
Captain Gallina08:21
Wow. Oder was steht noch zur Debatte?
Severin08:22
Du hast gerade entweder gesagt... Oder das Ganze wird erstmal eine Weile auf Eis gelegt. Wir müssen das Ganze selber finanzieren. Aber dann wird es wirklich lange auf Eis gelegt.
Captain Gallina08:31
Oje, oje. Okay, das wollen wir nicht hoffen. Wir hören jetzt lieber in der Zwischenzeit noch ein Stück von diesen neuen Geschichten. Das heißt Skelett und danach noch eins in spanischer Sprache. Und das heißt Confusion. Habe ich das richtig ausgesprochen?
Eine Stimme08:43
Nein, Confusion.
Captain Gallina08:45
Okay, hier kommt erstmal Skelett. Yes.
Eine Stimme08:58
Musik Musik Musik
Captain Gallina14:02
Ja, immer noch im Studio hier die Blumen des Bösen. Schon beim letzten Mal wart ihr was ganz Besonderes mit Texten in Spanisch, Deutsch und Englisch und auch Querflöte dabei. Unüblich im Punk eigentlich. Jetzt habt ihr auch noch euer Schlagzeuger-Problem gelöst mit Kollegin Nox, ihres Zeichens eine Drum-Computerin. Sie ist jetzt für den Rhythmus zuständig und Saxophon habt ihr auch noch dabei. Also eher ungewöhnliche Instrumentierung für Punkrock. Wie kam es denn dazu, dass ihr überhaupt so ein Computerschlagzeug habt? Das ist ja irgendwie, weiß ich nicht.
Eine Stimme14:32
Also dazu muss man natürlich etwas ausholen. Also wir hatten seit längerem ein Problem mit unseren Schlagzeugern. Also wir haben ständig gewechselt und hatten irgendwann mal die Nase voll und hatten keine Lust mehr auf das Drama, immer wieder jemanden einzuspielen, um ihn dann wieder zu verlieren. Und ja, unsere Lösung war dann einfach eine Maschine. Also leider muss ich sagen, weil eigentlich ein Mensch wäre uns lieber gewesen, aber inzwischen würden wir auch nicht mehr zurück wollen. Die Maschine hat seinen Vorteil, also sie ist pünktlich, sie ist perfekt und auch so klein und handlich. Das einzige Problem ist, sie redet ein bisschen wenig.
Captain Gallina15:06
Ja, aber so ein Computer kann ja immer nur das, was wir auch können, beziehungsweise was Menschen Ihnen eingeben. Habt ihr da irgendwie speziell auch Schlagzeugrhythmen lernen müssen, um die zu programmieren?
Eine Stimme15:18
Es hat ziemlich lange gedauert, bis wir uns eingearbeitet haben, beziehungsweise hauptsächlich der Korn und der Severin, die haben daran gearbeitet und die haben sich da ziemlich perfektionisiert darin.
Captain Gallina15:31
So ein Computer ist ja auch ziemlich unbestechlich, was jetzt die Temposchwankungen betrifft. Ich kann mir vorstellen, es ist wahnsinnig ganz einfach, da mitzuspielen, weil der bleibt ja immer im gleichen Takt und so ein normaler Schlagzeuger, der kann sich auch schon mal ein bisschen schneller werden lassen oder ein bisschen zurückfallen lassen.
Eine Stimme15:45
Sehen wir eigentlich als Vorteil für uns selber, weil wir eigentlich dadurch perfekter werden und dadurch einfach lernen, im Rhythmus richtig zu bleiben. Also das ist für uns eigentlich ein Vorteil.
Captain Gallina15:55
Okay, ist die harte Schule natürlich fürs Timing. Ein Saxophon habt ihr auch dabei. Das übertönt doch die Querflöte bei weitem.
Eine Stimme16:04
Es ist so, dass natürlich dadurch, dass ich singe und Querflöte spiele, müssen wir uns dann natürlich auch im Wechsel sein. Und ja, wie soll ich sagen, also ich spiele jetzt einfach weniger Querflöte, weil ein Blasinstrument, das reicht meistens.
Captain Gallina16:19
Also nur noch selten. Also von der Instrumentierung her könnte es ja auch irgendwie so Folk-Punk sein. Habt ihr da in die Richtung irgendwelche Ambitionen, Folkmusik noch mit einzuflechten?
Eine Stimme16:29
Nö, eigentlich nicht.
Captain Gallina16:31
Okay, wir hören uns jetzt noch ein neueres Stück an. Eins von den neuen Stücken, das heißt Glückliche Depression. Ein Widerspruch in sich eigentlich. Und da könnt ihr jetzt nochmal drauf achten, wie das kommt mit dem Drumcomputer und dem Saxophon und diesen ganzen Geschichten. Hier kommt Glückliche Depression von den Flumen des Bösen.
Captain Gallina24:04
Wow, die wunderschönen Blumen des Bösen. Ja, das war jetzt also, der Drumcomputer war ja im Hintergrund deutlich zu überhören, zu hören, wollte ich jetzt mal sagen, nicht zu überhören. Und der Saxophon war auch ganz deutlich dabei. Das Ganze hat sich so ein bisschen in Richtung deutsche Welle angehört. Kann das sein, Severin, gehe ich mit dieser Vermutung richtig, dass ihr da so ein bisschen kleine Einflüsse auch aus der deutschen Welle mit reingezogen habt?
Severin24:31
Also wenn, dann wäre das bestimmt eher ein Patz, aber ich bin zwar schon in dieser Zeit aufgewachsen und habe das Zeugs irgendwo im Ohr, aber beabsichtigt war das nicht.
Captain Gallina24:38
Also es gibt ja eine ganze Menge deutsche Welle-Bands, die auch mit Saxophon dabei sind und so. Nicht? War das nicht so gemeint? Dann bieten sich als Vorbilder an entweder Berurier Noir, die Franzosen-Punker mit Drum-Computer oder, sage ich mal, X-Ray Specs mit Saxophon und Frauengesang. Was trifft eher zu?
Severin25:00
Was trifft ihr zum Befehl zum Drumcomputer nach fliehende Stürme ein?
Captain Gallina25:03
Die hier ja auch in Tübingen irgendwie so zugange sein sollen, habe ich mir sagen lassen.
Severin25:07
Ja, stimmt auch.
Captain Gallina25:08
Und was ist denn da eher Vorbilder für euch?
Severin25:13
Ich weiß nicht. Für den Drumcomputer haben wir so gesehen nicht ein Vorbild, weil es war einfach nur eine Notwendigkeit. Wir haben den nicht genommen, um irgendwas nachzueifern, sondern weil es nicht anders ging. Und zu dem Saxophon, da würde ich den Saxophonisten fragen, was seine Vorbilder sind und seine Einflüsse.
Captain Gallina25:27
Ja, Cornel, welche sind deine Einflüsse?
Eine Stimme25:30
Ja, dann muss man eher auf die Jazz-Ecke zurückgreifen. Vielleicht Dizzy Gillespie, Duke Ellington, eher die ältere Jazz-Ecke.
Captain Gallina25:40
Die ältere Jazz-Ecke. Hey, du spielst aber irgendwie schon in einer Punk-Band, oder?
Eine Stimme25:46
Ja, in der Punk-Band. Mit Punk habe ich wenig am Hut an für sich. Wahrscheinlich mit 14 Jahren war ich mal im Punk-Konzert, aber die Zeiten sind vorbei und wie gesagt... Ich will mich eher in die Jazz-Richtung entwickeln, um das Ganze interessanter zu machen.
Captain Gallina26:06
Gefällt dir die Musik überhaupt, die du machst? Ja, das auf jeden Fall, sonst würde ich ja nicht mitspielen.
Eine Stimme26:10
Es ist langweilig, wenn jeder die gleiche Richtung spielen würde. Ich finde, ein paar Einflüsse auf einmal machen ja nichts falsch.
Captain Gallina26:19
Okay, jetzt Severin nochmal zurück zu dir. Eine provokante Frage wollte ich dir stellen, das hatte ich dir versprochen. Mit Drumcomputer würde sich konsequenterweise ja eigentlich eher Techno anbieten. Warum nicht gleich konsequent und dann ufft, ufft, ufft, ufft?
Severin26:31
Ich glaube, wir sind einfach nicht blöd genug. Wir arbeiten dran, aber noch sind wir es nicht. Wie wollt ihr das bewerkstelligen, so blöd zu werden?
Captain Gallina26:38
Vielleicht durch Trinken. Trinken, okay, das bietet sich an. Okay, Drogen nehmen und so. Okay, ein wunderschönes Stück habt ihr gecovert und zwar ist das Stück Poupée de Cire von Franz Gahl. Und das war ja irgendwie ein unglücklicher Zufall, als ihr das aufgenommen habt, hatte kurz zuvor die Band Wieso das ebenselbige Stück auch gecovert und vor euch auf den Markt geworfen. Wir wollen es heute als Original-Unfälschung spielen. Hast du den Schmerz überwunden, dass die Wieso euch das vorweg geschnappt hatten?
Severin27:10
Wir haben es überwunden, es ist schon eine ganze Weile her.
Captain Gallina27:12
Okay, dann kommt jetzt hier Original-Unfälschung, France Gall, Poupée du Cire und danach Blumen des Bösen. Ihr Stück heißt dann Poupée.
Eine Stimme27:26
Untertitelung des ZDF für funk, 2017 Ich bin der Beste, ich bin weniger als eine Puppe aus dem Saal. Ich sehe die Welt in rosa, blau, blau, Puppe aus dem Saal, Puppe aus dem Saal. Meine Discos sind ein Schatten, in dem jeder mich sehen kann. Ich bin überall zusammen, in einem Schatten von Worten. Untertitelung des ZDF, 2020
Captain Gallina40:07
Okay, lieber Waldeck, du bist neu in der Band, seit etwa einem Jahr in der Band. Was sind die Aspekte, die du mit reinbringst in die Band?
Eine Stimme40:19
Also ich habe eigentlich mit der klassischen Gitarre angefangen und mit der elektrischen Gitarre habe ich erst seit ungefähr zwei Jahren zu tun und es war nicht so einfach sozusagen umzusteigen.
Captain Gallina40:35
Du hast also eine klassische Gitarrenausbildung? Nein, nein, das nicht. Ich habe mir das nicht allein beigebracht. Autodidakt sagt man auch im Volksmund dazu. Auf was für Musik stehst du? Cornel hat vorhin gesagt, er kommt vom Jazz, möchte das Jazz-Element mit reinbringen. Was ist dein Hintergrund? Welche Einflüsse bringst du mit rein?
Eine Stimme40:59
Also ich habe mal früher auch Punk gehört. Ich meine, ich höre immer noch. Ist es vielleicht nicht der Punk, der von Westen kommt, sondern von Osten, Osteuropa?
Captain Gallina41:10
Besser gesagt aus Polen. Was sind das für Bands?
Eine Stimme41:14
Wie zum Beispiel Deserter.
Captain Gallina41:17
Deserter?
Eine Stimme41:17
Deserter, jawohl. Vielleicht kennst du die?
Captain Gallina41:19
Ja, das sind ganz alte. Die sind schon ziemlich lange dabei. Ja, auf jeden Fall. Und ziemlich heftiges Stolz. Moskau. Cool. Hast du da was von mitgebracht von polnischen Zeug?
Eine Stimme41:30
Nein, leider nicht. Aber ich meine, das ist schon eine polnische Gruppe, aber kein Punk. Was denn? Lass dich überraschen.
Captain Gallina41:38
Ich lass mich überraschen. Okay, spielen wir nachher ab. Und ja, du bist jetzt seit einem Jahr dabei, hast du gesagt. Die Band selber gibt es schon seit 92, also seit fünf Jahren. Und Marty und Severin sind die letzten verbliebenen Helden von damals sozusagen. Wie sieht es aus mit der Hierarchie? Sind die zwei die Chefs oder hast du auch was zu sagen? Sie sitzen jetzt hier mit im Raum und gucken schon so böse, aber sei offen einfach.
Eine Stimme42:04
Also ich meine, schon, ich meine, hat jeder sein Recht etwas zu sagen. Ich meine, gibt es keine Hierarchie, dass der Sellerin der Chef von der Gruppe ist. Also sowas gibt es bei uns nicht.
Captain Gallina42:19
Nicht, also jetzt mal wirklich ganz ehrlich. Schon ehrlich. Okay, ja cool, dann spielen wir jetzt ein Lieblingsstück von euch, das ihr ausgewählt habt und das ist von der Band Heavenly und heißt Trophy Girlfriend.
Eine Stimme42:49
Untertitelung des ZDF, 2020
Captain Gallina01:31
Die Holsteins waren das jetzt. Was könnt ihr zu den Holsteins sagen? Marti, was ist mit den Holsteins? Wo kommen die her?
Marty González Martín01:39
Also wir machen mit denen eine Splitsingle und zwar kommen die aus Nordirland.
Captain Gallina01:46
Aus Nordirland, wow. Cool. Und wann kommt die Splitsingle raus?
Marty González Martín01:50
Oh, ich hoffe, dass sie mal in vier Wochen oder so etwa rauskommt. Also sie wird jetzt mal losgeschickt und dann werden wir mal sehen, wie lange die da brauchen.
Captain Gallina01:58
Wow, ich hoffe ja, dass ich dann ein Freiexemplar von euch bekommen kann.
Marty González Martín02:00
Aber natürlich, du immer.
Captain Gallina02:01
Das werde ich dann natürlich auch in dieser Sendung vorspielen. Okay, jetzt seid ihr alle schon ganz aufgeregt. Und das mit gutem Grund, denn ihr werdet jetzt hier vor einem Millionenpublikum live ein Stückchen zum Besten geben mit zwei Gitarren, einer Querflöte und den puren Drumstick. Live ohne doppelten Boden, habe ich letztes Mal gesagt. Diesmal einfach live in die freie Natur. Hier kommen die Blumen des Bösen live dabei. Komm her!
Captain Gallina04:14
Wow, andächtige Stille folgt diesem großartigen Erlebnis, Konzertereignis hier exklusiv für euch, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer der Wüstenwelle und der Punkrockparty. Wow, Applaus, Applaus, Applaus. Ja, wunderschön. Wie heißt das Stück?
Marty González Martín04:33
Oktober.
Captain Gallina04:34
Oktober, ja, das haben wir demnächst auch, Oktober. Und entsprechend, ja, gedämpfte Stimmung hat es schon auch transportiert. Aber ein wunderschönes Stück. Und ähnlich, sag ich jetzt mal, getragen kommt daher das Stück Regenkatzen. Schon vom Titel her ist es ja eher ein bisschen melancholischer und auch langsamer ist es auch. Von den neun Stücken wohl so das langsamste. Hier nochmal ein Stück aus der Konserve von Blumen des Bösen. Yes!
Captain Gallina09:07
Nioh, die Regenkatzen. War das ein sehr getragenes und zwischendurch aber doch wieder flottes Stück, wie wir das von den Blumen des Bösen gewohnt sind. Liebe Marti, jetzt noch ein paar Fragen an dich. Ihr singt in verschiedenen Sprachen, Deutsch, Englisch und Spanisch, habe ich schon ganz am Anfang mal gesagt, erwähnt. Welcher Text liegt dir besonders am Herzen?
Marty González Martín09:30
Also zum Beispiel Tier gefällt mir sehr gut. Ja, es handelt eigentlich über, wie der Titel schon sagt, über Tiere. Ein Tier, das den Menschen anspricht. Also ich muss dazu sagen, dass wir zufällig, aber es ist so, alle vier von der Band Vegetarier sind und deshalb liegt uns das am Herzen einfach, dass man die Tiere mit einer bestimmten Würde anguckt und behandelt. Und darüber handelt irgendwie der Text. Das Tier klagt den Menschen an.
Captain Gallina10:02
Ihr seid Vegetarier, nicht Veganer, sage ich.
Marty González Martín10:05
Nein, Vegetarier. Also bis jetzt zumindest noch.
Captain Gallina10:08
Okay. Glaubst du, dass Texte die Leute auch beeinflussen können?
Marty González Martín10:13
Ich hoffe es doch. Also wir singen oder wir machen unsere Texte eigentlich hauptsächlich auf Deutsch, weil wir möchten, dass die Leute unsere Texte tatsächlich verstehen. Spanisch mitunter natürlich, weil es auch meine zweite Muttersprache ist. Und ja, ich mich in der Sprache auch gut ausdrücken kann. Und ja, ich denke, ein paar Leute werden auch Spanisch verstehen. Ansonsten übersetzen wir unsere Texte immer auch, wenn wir sie auf CD oder so machen.
Captain Gallina10:39
Das ist, finde ich, sehr nett. Das haben ja andere Bands auch schon gemacht, die das transportieren wollten. Seid ihr eine politische Band?
Marty González Martín10:48
Politisch, ja, vielleicht im kleinen Maße, sage ich jetzt einfach mal. Politik, ja, im Kleinen fängt sie an, also in unserer Umwelt.
Captain Gallina10:55
Politik der kleinen Schritte.
Marty González Martín10:56
Ja, genau.
Captain Gallina10:58
Okay, ja, Severin, du machst auch so Texte, hast es schon ganz am Anfang auch alleine gemacht. Was möchtest du bewirken mit deinen Texten?
Severin11:07
Also meine Texte sind so gesehen in erster Linie Egoismus. Ich habe irgendwie das Bedürfnis, etwas zu schreiben. Ich bin kein Prophet, der eine Mission hat und Leute bekehren will. Wenn die Texte jemandem etwas geben, ist es auch okay, aber in erster Linie ist es reine Überlebenshilfe.
Captain Gallina11:22
Du würdest sonst irgendwie deine inneren Zwiespalte anders ausleben müssen. Sehe ich das richtig?
Severin11:30
Ich lebe es auch vielleicht noch anders aus, aber das ist auf jeden Fall auch ein sehr, sehr wichtiges Medium, um das zu transportieren. Sonst müsstest du dir ein Ohr abschneiden oder sowas.
Captain Gallina11:38
Vielleicht die Ohren, dann wäre das mit der Musik scheiße. Okay, ja, das war wirklich ganz, ganz arg schlecht. Die Zeit rennt uns davon. Wir haben jetzt nur noch ungefähr so anderthalb Minuten. Ich möchte mich ganz herzlich bei euch bedanken und ein fröhliches Heki-Heki-Pateng und so weiter.
Eine Stimme11:54
Tschüss. Tschüss, macht's gut.
Severin11:56
Grüß an Kaktus, grüß an Martin.
Eine Stimme11:59
Ciao.
Captain Gallina12:00
Jo, das waren die Blumen des Bösen und sie haben mir jetzt noch ein allerletztes Stück hier in die Hände gedrückt, was unser Outro sein wird. Und das ist von einer Band namens Klosterkeller und heißt nämlich, oder es ist ein ganz Scarlet, das erinnert mich an vom Winde verweht und so Klassiker. Hören wir rein in Klosterkeller. Am Mikrofon verabschiedet sich jetzt schon mal euer Käpt'n Galina. Bis zur nächsten Punkrockparty nächsten Dienstag, 22 bis 23 Uhr. Das ist dann die Nummer 113. Ihr hört immer noch die Wüstewelle auf 96,6, im Kabel auf 97,45 Megaherzchen. In der nächsten Sendung dann am kommenden Dienstag geht es um neue Vorstellungen, jede Menge neue Veröffentlichungen. Und Spaß und Abartigkeiten aus der großen, gemeiten Welt des Punkrock. Ciao, ciao. Bleibt Punk. Habt Spaß.
Woher das kommt
Mitschnitt von Wüste Welle, 2. September 1997 — 2 Kassettenseiten, zusammen rund 61 Minuten. Abgeschrieben hat die Aufnahme eine Maschine (WhisperX 3.8.6, Modell large-v3, Sprechertrennung pyannote community-1). Gegen die Aufnahme gehört hat diese Abschrift noch niemand.
Auf der Seite steht nur das Gespräch mit der Band. Aus der Abschrift der ganzen Sendung sind 92 Abschnitte als Gespräch erkannt worden, davon alle freigegeben. Was der Sender sonst spielte und sendete — Musik anderer Bands, Veranstaltungstipps, das Hörspiel — bleibt draußen, und die Tondatei selbst bleibt im Archiv. Die Rechte daran liegen nicht bei der Band.
Auch diese Grenze hat die Maschine gezogen, nicht ein Mensch. Wo ein Lied in das Gespräch hineinreicht, kann hier Liedtext stehen statt Rede; solche Stellen sind mit einiger Wahrscheinlichkeit fehlerhaft, und Liedtitel versteht die Maschine besonders oft falsch. Wer einen Fehler findet, möge ihn melden — berichtigt wird nach dem Hören.