Zum Inhalt
Blumen des Bösen · Bandarchiv 1987–2000Blumen des Bösen

Presse — Interviews

Kaktus, Nr. 2

Kaktus · Interview · 1994 · Martin „Kaktus“ Roeder

Das Gespräch führte Martin „Kaktus“ Roeder, der das Heft machte — derselbe, der vier Jahre später Sänger der Band wurde. Alle vier saßen an einem Sonntag vor dem Recorder. Datiert ist der Scan nicht: Arno Ritter wird als „der neue Schlagzeuger“ vorgestellt (er kam im Januar 1994), die „Frage des Jahres“ gilt dem Tod von Kurt Cobain (April 1994), und die erste CD soll „Anfang nächsten Jahres“ erscheinen — das Interview stammt also aus dem Frühjahr oder Sommer 1994. Auf den Seiten steht keine Nummer — kein Kaktus-Heft trägt eine auf der Titelseite. Martin „Kaktus“ Roeder hat sie am 10. September 2026 aus dem Gedächtnis genannt: es war Ausgabe 2. Severin Schöllhammer erzählt darin, wie der Text von „Kein Tag ohne Revolution“ an einer roten Ampel entstand, und nennt als Einflüsse Slits, EA 80, France Gall und TKKG; Marty González Martín berichtet, dass sie die Querflöte in die Band brachte. Den Abdruck im Wortlaut hat Martin „Kaktus“ Roeder am 17. September 2026 freigegeben. „Martin“ ist in diesem Gespräch Martin Ullmann, der Gitarrist — nicht der Fragesteller, der im Heft durchgehend „Kaktus“ heißt.

Vorspann

  1. Kaktus

    Die Blumen des Bösen dürften nicht allzu vielen von euch ein Begriff sein, was eigentlich ziemlich schade ist, denn die spielen so ziemlich den innovativsten Punkrock, den ich in unseren Breiten kenne. Aus selbigem Grund machte ich mich also eines schönen Sonntags auf den Weg, um die 4 für ein Interview vor den Recorder zu holen.

Die Vorstellungsrunde

  1. Severin

    Ja, ich bin der Severin und spiele Baß und manchmal singe ich auch.

  2. Marty

    Ich bin die Marty und singe, und ich spiele Querflöte!

  3. Martin

    Hey, ich bin Martin und spiele Gitarre.

  4. Arno

    Ich heiße Arno und spiele Schlagzeug.

Wie Arno zur Band kam

  1. Arno

    Eigentlich über Marty, wir haben uns in der Berufsschule kennengelernt und da hat sie mich eben angesprochen, ob ich nicht mal Lust hätte, mit ihnen zu proben. Da ich zur Zeit sowieso keine Band habe und ich Lust hatte zu spielen, haben wir es ausprobiert und es hat sich als sehr gut erwiesen.

  2. Severin

    Wir hatten wirklich so einen Schlagzeugerkomplex, aber die derzeitige Besetzung ist wohl die stabilste, die wir je hatten.

Die geplante Platte

  1. Severin

    Fest steht, daß es eine CD wird, weil unser Presswerk keine Platten mehr macht, obwohl ich CD’s so nicht so sehr mag, weil die so klein und popelig sind. In einer Woche gehen wir für 2 Tage ins Studio und dann im Sommer noch einmal für eine Woche oder so, je nachdem, was der Geldbeutel zulässt! Es sollen so etwa 10-12 Lieder drauf, Titel steht noch keiner fest.

  2. Kaktus

    Wer macht die CD?

  3. Severin

    Eigenvertrieb, völlig autonom, damit ja kein Mensch seine Wurstfinger reinstecken kann.

Eine Frau in einer Punkband

  1. Severin

    Das war auch der Grund, warum unser alter Schlagzeuger von uns gegangen wurde, er konnte sich das nämlich auch nicht vorstellen.

  2. Marty

    Ich denke, ich hatte es am Anfang doch recht schwer, weil sich das viele nicht vorstellen konnten.

  3. Martin

    Die Stimme an sich ist ja für eine Punkrockband auch recht untypisch.

  4. Auf die Frage nach dem Kirchenchor:

  5. Marty

    Ja, das stimmt. War echt ein ziemlich fitter Chor, auch mit Schlagzeug, Gitarre und so.

Woher die Texte kommen

  1. Severin

    Für mich sind sie alltäglich. Die Texte entstehen einfach, ohne daß ich sie lange plane. Es ist wie niesen oder kacken, du kannst einfach nicht anders.

  2. Kaktus

    Hast du irgendwelche Einflüsse oder so?

  3. Severin

    Die Texte von EA 80, auch wenn ich den Vergleich sonst ablehne, ansonsten Baudelaire.

  4. Severin

    Man kann damit auch so schön anecken, gerade mit dem derzeitigen Deutschpunk-Revival, da versuche ich mich eben ein wenig davon abzuheben. Politik ist nicht eine Sache von platten Parolen, sondern Politik ist etwas Zwischenmenschliches.

„Kein Tag ohne Revolution“ — woher der Text kommt

  1. Severin

    Der Titel der Platte ist vielleicht ein wenig ungünstig gewählt, da kriegt man vielleicht einen falschen Eindruck. […] Ich habe die Idee für den Text an einer Ampel bekommen, wie mir eben aufgefallen ist, wie bekloppt es doch eigentlich ist, wenn die Ampel rot ist und es kommt kein Auto, und man dennoch nicht drüberläuft und stehenbleibt. Wenn man dann jedoch losläuft, gehen alle auf einmal hinterher. Und da hast du dann das Gefühl, du hast etwas ausgelöst. Du mußt dann aber auch die Verantwortung übernehmen, wenn jemand überfahren wird.

Warum Musik und nicht nur Text

  1. Severin

    Ich denke, die Leute können sich die Texte besser merken, wenn sie mit Musik untermalt sind. […] Einfach ein geschriebener Text ist schwerer, weil die Leute sich nicht mehr für Literatur interessieren, das muß man akzeptieren. Ich könnte das, was ich mache, auch auf Diskette anbieten, aber das mag ich nicht, also mache ich Musik und kann damit zwei Leidenschaften verbinden.

Ist das noch Punkrock?

  1. Marty

    Von der Szene her vielleicht nicht so sehr, geistig aber auf alle Fälle.

  2. Severin

    Wenn du Punk als Tor zur Freiheit siehst, dann stimme ich zu, wenn du es aber als Kette oder gar Etikette siehst, dann würde ich sagen eher nicht. Wir haben keine Verpflichtung so zu klingen, wie es das Publikum vielleicht gerne hätte.

Wie die Lieder entstehen

  1. Severin

    Es hat sich wohl insofern was verändert, daß die Lieder früher eher Schreibtischlieder waren, die einer mehr oder weniger fertig mitgebracht hat und dann haben wir sie so gespielt. Inzwischen läuft das eher im Proberaum, man klimpert rum und dann kommen dabei manchmal auch gute Sachen raus. Wir sind vier sehr verschiedene Leute mit verschiedenen Einflüssen und dadurch lebt die Musik.

  2. Severin

    Ich schreibe seit über 10 Jahren Texte, Vorrat ist genug da!!

  3. Marty

    Ich denke auch, jedes Lied hat einen gewissen Geist und man kann nicht jeden Text zu jedem Lied benutzen. Ich singe auch nicht jeden Text. Ich muß den Text verstehen und so fühlen können, ansonsten habe ich auch nicht die richtige Einstellung zum Singen.

Warum so selten live

  1. Marty

    Nee, das hängt wohl eher mit unserem dauernden Schlagzeugerproblem zusammen, das ja nun wohl gelöst ist.

  2. Severin

    Wir haben einfach auch nicht die Kontakte zu den Clubs und deshalb müssen wir uns das alles noch mehr erarbeiten.

Einflüsse

  1. Martin

    Wir spielen jetzt dann ca. 10 Jahre zusammen. Und das war damals so und da hat sich, trotz der Tatsache, daß wir inzwischen ca. 30 Leute in der Band gespielt haben, nicht geändert.

  2. Severin

    Meine Einflüsse, hmm: Slits, EA 80, France Gall, TKKG. […] Ansonsten eben so 60er Kram, Kinks und Who.

  3. Martin

    [Einflüsse] Viel Gothic, alten Punk.

  4. Marty

    Um nochmal darauf zurückzukommen, warum wir Punkrock spielen: es gibt die einfach die meisten Freiheiten, du bist so gut wie ungebunden.

  5. Arno

    Man kann sehr gut experimentieren.

Die Querflöte

  1. Kaktus

    Wer hat eigentlich die Querflöte angebracht?

  2. Marty

    Das war ich, ich habe auch mal Unterricht gehabt.

Coverversionen

  1. Marty

    Wir haben Coverversionen gemacht, und zwar von Lucilectric „Mädchen“.

  2. Severin

    Wir hatten mal ne Coverversion von EA 80 […] und dann haben wir noch die Titelmelodie von den Munsters gecovert.

Deutsch singen

  1. Severin

    Wir haben auch ein englisches Lied, „All flowers fade“, und ein spanisches.

  2. Severin

    Wenn ich englisch schreiben soll, dann können das eigentlich nur irgendwelche Plattheiten werden, weil es nicht meine Muttersprache ist, deshalb mache ich deutsche Texte, da kann ich genau das ausdrücken, was ich auch sagen will.

  3. Martin

    Man hört es auch bei vielen deutschen Bands, die englisch singen, daß es nicht deren Muttersprache ist, das ist bei Franzosen oder Spaniern genauso. Es klingt eben so richtig schulmäßig, nicht natürlich.

Die Reutlinger Musikoffensive

  1. Severin

    Die haben uns 2 Mal keine Gage gegeben, das 1. Mal ist der Typ mit der Kasse auf und davon, beim 2. Mal hatten wir nicht mal Freigetränke. Musikoffensive mag ganz gut sein vom Gedanken her, aber wenn du dazu so einen persönlichen Bezug hast, dann magst du einfach nicht mehr.

  2. Martin

    Sie haben uns wirklich beschissen.

  3. Severin

    Es scheitert wie immer am schlimmsten Faktor, an den Menschen.

Was die Band ihnen bedeutet

  1. Severin

    Sie ist so wichtig, daß ich mich in nächster Zeit nicht aus dem Umkreis entfernen werde, in dem ich jetzt wohne, um die Band nicht verlassen zu müssen. Es baut mich auf: wenn ich nur beknackte Leute sehe, dann weiß ich, Samstag gehe ich in den Proberaum. Außerdem will ich mich auch weiterhin mitteilen.

  2. Marty

    Die Band ist einfach eine Möglichkeit, den Leuten klar zu machen, was du fühlst und was du denkst. Es ist ein großer Teil meines Lebens.

Zum Tod von Kurt Cobain

  1. Arno

    Er ist einfach mit dem Erfolg nicht fertig geworden. […] Es hat ihm glaube ich viel mehr Spaß gemacht, in irgendwelchen Jugendhäusern zu spielen, das war seine Welt, und deshalb hat er Musik gemacht.

  2. Severin

    Es war sicherlich schmerzhaft, nur auf ein Lied reduziert zu werden. […] wenn alle Leute nur „Smells like teen spirit“ hören wollen und alles andere ist ihnen egal.

  3. Martin

    So wie ich das mitbekommen habe, haben sie auf einigen Konzerten dieses Lied nicht mehr gespielt; er hat wohl gesagt, er kann das Gitarrensolo nicht mehr.

Schluß

  1. Kaktus

    Es folgt dann eine längere Diskussion über unwichtige Dinge, die hier nichts zur Sache tun.

  2. Danach stehen im Heft die Bezugsadresse und die Preise für Single und Demo, dazu die Ankündigung der ersten CD. Auf derselben Doppelseite ist der Text von „Kein Tag ohne Revolution“ abgedruckt.

Woher das kommt

Kaktus, Nr. 2, 1994 — 48 Redebeiträge von Kaktus, Severin, Marty, Martin, Arno. An 6 Stellen ist gekürzt; die Kürzung steht als […] im Text.

Abgeschrieben aus dem Heft. Die Zwischentitel stammen nicht daraus, sondern von der Redaktion — sie ordnen, was im Druck als ein Stück steht.

Ein gedrucktes Gespräch steht im Archiv sonst nur mit ein bis zwei Sätzen: die Rechte an einem Zeitungstext liegen beim Blatt und seinen Autoren. Hier hat der Rechteinhaber den Abdruck freigegeben — er hat das Heft gemacht und das Gespräch selbst geführt.

Die Belege dazu liegen im Bildarchiv: Blatt 1 · Blatt 2 · Blatt 3 · Blatt 4.